Geschichte
Der letzte Videoabend
Dezember 1989, irgendwo zwischen Aarau und Olten. Im Wohnzimmer riecht es nach Mandarinen und Teppich, und auf dem Fernseher thront der Videorekorder wie ein kleiner Altar mit grüner Uhr.
Nina, zwölf, hat die Kassette aus der Videothek geholt. Die Hülle hat kein Bild, nur einen Titel in Kugelschreiber und einen Kleber: „Bitte zurückspulen!“. Luca, acht, darf auf den Knopf drücken. Das ist so abgemacht, seit er im Sommer geweint hat.
Klack. Surren. Rauschen. Dann ein Bild, schief und flimmernd, und Papa sagt, was Papas 1989 eben sagen: „Moment, Tracking.“ Er dreht am Rädchen, das Bild wird gerade, alle jubeln. Mama bringt Guetzli. Es ist der letzte Videoabend vor Weihnachten, und er ist perfekt.
Für genau elf Minuten.
Dann macht der Rekorder ein Geräusch, das klingt wie ein Staubsauger mit Schluckauf. Das Bild friert ein. Luca drückt auf Stopp, auf Auswerfen, auf alles. Die Kassette kommt heraus, und hinter ihr ein glänzender brauner Bandsalat, lang wie eine Lichterkette.
Stille. Dann Nina: „Wir zahlen das nie im Leben.“
Papa zieht vorsichtig, Zentimeter um Zentimeter. Mama holt einen Bleistift aus der Küchenschublade, steckt ihn in das kleine Zahnrad der Kassette und dreht. Langsam, ganz langsam verschwindet das Band wieder im Plastik. Niemand atmet. Luca zählt die Umdrehungen laut mit, bis vierhundertzwölf.
Der Film läuft danach weiter, mit Streifen, Knistern und einer Stelle, an der alle Stimmen klingen wie Enten. Vom Film weiss am Ende niemand mehr viel. Vom Bleistift schon.
Heute hat Nina einen Streamingdienst, einen grossen Fernseher und keinen Rekorder mehr. Aber jedes Jahr, kurz vor Weihnachten, liegt bei ihr ein Bleistift neben der Fernbedienung. Für alle Fälle.
Die Geschichte ist erfunden, das Gefühl nicht. Die Decke Der letzte Videoabend erzählt den letzten Filmabend vor Weihnachten als Comic, gross genug für zwei.